Soziales Kunstwerk

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Ob es sich bei einem Objekt oder Ereignis um ein Kunstwerk handelt, ist von vielen Faktoren abhängig. Wie ist das Material beschaffen, gibt es künstlerische Fähigkeiten, verursacht es beim Wahrnehmenden künstlerische Empfindungen? Manchmal wird es sich erst in fernerer Zukunft als solches erweisen. Gibt es ähnliches auch im zwischenmenschlichen Bereich – kann Begegnung zu einem Kunstwerk werden?

Vom 6. – 9. Mai 2015 fand im Jugendstilpalast der schönen Künste in Brüssel, der 6. Europäische Kongress „In der Begegnung leben“ statt. Nach drei Jahren Vorbereitungszeit trafen sich im Bozar über 600 Mitwirkende aus vielen Ländern Europas, Russland, Brasilien, USA und Thailand. Dieses Kunstzentrum, unweit des Hauptbahnhofes in Brüssel gelegen, bietet reichlich Kunst und Architektur, Malerei, Theater, Plastik, Tanz und Musik sind allgegenwärtig. Der Kongress war vollständig in den allgemeinen Kunstbetrieb eingebettet.

Bedeutende internationale Künstler traten hier in Erscheinung und nun eben auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Talenten. Der Direktor des Bozar´s bezeichnete sie bei der Pressekonferenz als „Die anders Gesunden“! Während der vier Tage herrschte dort eine ganz außergewöhnliche Stimmung. Dieses konstante Erlebnis des „Ich bin Ich und dasselbe gilt für Dich“ macht die Besonderheit dieser Kongresse aus.

Auch die Form der Zusammenarbeit: ehrenamtlich, aus freiem Entschluss dem Ziel dienend, diesen Kongress auch in Belgien zu ermöglichen. Eine Herausforderung, denn die Hauptakteure im belgischen Michaelis-Verband zusammengeschlossen, hatten vorher selbst noch keinen Kongress erlebt. Auch ist die Sozialtherapie in ganz Belgien zahlenmäßig kleiner als in Berlin.

Vieles bei diesem Kongress war aus einem künstlerischen Gesichtspunkt gestaltet. Beispielsweise der Programmablauf im wunderschönen großen Saal. Erst die Musik durch das Eröffnungskonzert „Ogni Tanto“ mit etwa 1000 Zuhörern, gefolgt dann von der Malerei am nächsten Morgen. Hannes Weigert beschrieb anhand von projizierten Gemälden meisterhaft die künstlerischen Prozesse in seiner Malerwerkstatt in Norwegen. Abends dann das fulminante Theaterstück „Ceder“, das durch die moderne Inszenierungsweise mithilfe von Zeichnungen- und Videoprojektionen untermalt von digitaler Musik und durch seine starken Themen und Bilder niemanden unberührt ließ. Ganz ohne Sprache auskommend, bewegten sich die Protagonisten meist im Rollstuhl mitunter aber auch auf Rollschuhen, in einer apokalyptisch anmutenden Ausweglosigkeit der Gegenwartskultur.

Am nächsten Tag wieder das musikalische Erleben mit „Musaik“ aus Österreich und abends beim Volkstanz im eigens angemieteten Nebengelass des Hauptbahnhofes. Ein Feuerwerk an sichtbarer Lebensfreude der „Lautenbacher Blaskapelle“, die dort als Vorgruppe und am nächsten Morgen wieder auf der Hauptbühne auftrat!

Bewegen konnte auch die russische Delegation, die des 70. Jahrestags des Kriegsendes in der europäischen Hauptstadt gedachte und somit dem Kongress auch zu einer weltweiten Friedensbotschaft verhalf. Der Sozialminister der mittleren Uralregion war eigens angereist um mitzuteilen, dass Jekaterinburg beabsichtigt 2017 den ersten Weltkongress für Menschen mit Behinderungen auszurichten.

In fast 30 Workshops konnten interessante Anregungen gegeben und neue Erfahrungen gemacht werden. Man stelle sich vor, die in einer Arbeitsgruppe vorgeführten biologisch-dynamischen Präparate führten dazu die Brüsseler Bodenqualität zu verwandeln? Das hätte zweifellos Auswirkungen auf die Menschen, die Politiker und auf Europa! Viele Ausflüge konnten, ob zu Fuß oder mit dem Bus, in die wunderschöne Stadt unternommen werden. Und immer wieder stand Begegnung und Kunst im Vordergrund des Geschehens. Selbst in den herausfordernden Momenten, nachts in der Unterkunft oder bei den Mahlzeiten im Bozar mit den wenigen Tischen und Stühlen. Was war das für eine Begegnungsqualität!

Ob der 6. Kongress „In der Begegnung leben“ ein soziales Kunstwerk geworden ist, dürfen die Mitgestalter selbst beurteilen. Die Sichtbaren und die Unsichtbaren. Dass die Mysterien allerdings am Hauptbahnhof stattfinden, davon zeugt dieser Kongress. Die Andersgesunden haben sie uns eröffnet!

 

Thomas Kraus

Berlin, im Mai 2015